[DE][RP] Schatten von Skelos

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#21

Intermezzo

Zwei Frauen schleichen um das Lager. Die eine erscheint wild, gar katzenartig, die andere zivilisiert und doch mit bemaltem Gesicht, was die mandelförmigen Augen betont. Sie sprechen eine Arbeiterin an, unverfänglich, ein zufälliges Treffen der Zivilisation inmitten der rauen Wildnis. Die Arbeiterin bleibt etwas distanziert, aber höflich, gewährt Auskunft, soweit sie kann und darf.
Dann trennen sich die Wege wieder. Die Frauen beratschlagen sich, die Wilde schleicht vor, umrundet das Lager, späht an den Pallisaden entlang hinein und mustert das Innere, die Zelte, Kisten, einfachen Feldbetten, die Baustelle und Leute, die sich darauf tummeln. Eine handvoll Leute sind es, die arbeiten und stumm ihr Werk verrichten, doch jener, der es leitet, scheint zu fehlen.
Rückzug und wieder beraten die beiden, erkunden dann die alte Ruine gleich gegenüber, zu der Spuren führen. Auf den Stufen und unter dem überdachten Bereich stehen vernagelte Kisten, große und kleine, deren Inhalt nicht ersichtlich ist. Auch der Ursprung fehlt. Ohne Werkzeug können sie nicht herausfinden, was im Inneren verborgen liegt. Sie schleichen zwischen den Kisten vorbei zum schmalen Eingang. Das Innere ist erleuchtet von Kohlebecken und Fackeln. Im ersten Raum steht eine einfache Pritsche an der Wand, Felle darauf. Es ist etwas kühler als draussen, aber vom Wind und Wetter geschützt. Persönliche Gegenstände scheinen zu fehlen.
Der Inhaber scheint in der hinteren Kammer zu knien. Er scheint sie zu bemerken, obwohl sie leise waren, spricht sie mit erdgrundtiefer, samtiger Stimme an. Unverfängliche Worte, doch wirkt seine ganze Gestalt erhaben. Etwas huscht in den Schatten, nur sichtbar aus den Augenwinkeln heraus. Seine Stimme scheint den ganzen Raum einzunehmen, seine Präsenz wirkt bedrohlich. Es reicht, um die Frauen zu verjagen. Augen, die im Schatten der Kapuze liegen, blicken den beiden lange hinterher…

6. Monat, Tag 26, im Jahre 18.n.A.

Sie wandern… laufen… durch den Raum der Portale… Einer mit Maske, einer mit Rüstung, die unpassender für sein Volk nicht sein könnte und sie, in Kleidung, die den Temperaturen Hohn trotzt. Ein Kennenlernen der unterschiedlichen Kulturen und Völker… ein Sklave wird gebracht, die Kette übergeben, dann geht es weiter, zurück… nach Süden hin… zum Zimmermann und dem kleinen Dorf. Kaum setzt man sich zum Plausch, schlagen die Gewalten der Natur zu. Ein Sturm bricht los, peitscht durch das Dorf und scheint sich dort festzusaugen. Sand schmirgelt über Haut, dringt in jede Ritze, jeden Spalt und rüttelt an Wänden, Türen und Dächern.
Die Becher, zuvor noch mit Trinkbarem gefüllt, beherbergen hernach nur noch einen nassen Klumpen Sandmatsch, umgestoßen und irgendwo verweht. Notdürftig wird sich gewaschen und gesäubert.
Kulturen prallen aufeinander, taxieren sich, ignorieren sich und trennen sich wieder. Friedlich. Noch.
Es wird erkennbar, welch Schmelztiegel das Exils doch ist…


#22

6. Monat, <über dem Tag ist ein großer Fleck>, im Jahre 18.n.A.

Im Bad… der Mann mit der Maske befielt… ein Schwert an seiner Seite, lässt die Priesterin zur Sklavin werden, die tut, was er wünscht, vor den Augen der anderen Gäste… Er demonstriert seinen Macht und seinen Einfluss, dem sie kein Einhalt gebietet, noch nicht… einem anderen “Sklaven” wird mit dem Tod gedroht, auch wenn er die Ketten mittlerweile freiwillig trägt.
Die Augen der Priesterin blitzen leicht auf… Ärger? Oder prüft sie ihren Herrn? Ist dies alles nur ein Spiel?

<Das Datum ist unleserlich und verschmiert>

Sie hat ein Stück Leder geklaut… unter den Augen der großen Statue, die sich hoch aufrichtet wie eine Cobra, geschlitzte Augen, gespaltene Zunge. Ihre Handlung… Blasphemie… doch hier im Exil, ein tägliches Vorkommnis. Was ist der Glaube schon wert? Fremde Götter? Haben sie hier Macht? Hier gibt es nichts, ausser der universellen Weisheit, dass auf uns alle der Tod lauert… und der Tod… ist weiblich.
Verdorbenes Übel… und auch sie hat ihre Finger im Spiel.
Die Diebin wird erwischt… gefangen. Ihr Leid… zum Glück muss ich es nicht mit ansehen, sehe Tage später, wie sie “erzogen” wird… grausames Spiel des Mannes mit der Maske.

Zugleich startet eine Suche nach dieser Frau. Schläger werden angeheuert, jegliche Kapazitäten mobilisiert. Zwei Frauen fehlen schon aus der Siedlung im Süden. Die Bewohner ziehen von Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus, suchen, fragen, halten Ausschau. Sie fragen jede Menschenseele, die sie treffen.
Sie zögern nicht, sich selbst dem Okkulten zuzuwenden… jene zu fragen, die um den Schleier wissen und deren Kräfte durch ihn hindurch reichen.
Ich sehe sie… sehe das Blut, was fließt, ein Opfer… höre das Stöhnen. Ich spüre, dass es vor sich geht, die Luft knistert wie elektrisch geladen… meine Kontrolle über meine Augen und Ohren schwindet, dann bricht mein Kontakt ab, erlischt, als wäre ihm das Lebenslicht ausgehaucht worden.
Es hat seinen Preis, den Tod selber zu fragen, wen er umarmt hat. Doch sie leben… beide Frauen leben… noch. - Die Frage ist nur, wie lange sie das tun, hier an diesem Ort des Todes.

Die Diebin derweil… wurde gefunden, nur von dem Falschen.
Und sie… erscheint dort ebenso. Ich sehe es aus den Facetten der Augen meines kleinen Spiones, erkenne ihre Kontur, ihre Haare, selbst wenn sie nun ebenso ein Teil ihres Gesichtes mit schwarzer, schädelartiger Maske verdeckt.
Aber wenn sie es wusste, warum sagte sie nichts?
Eine weiße Blüte befindet sich im Haar. Meine Augen bewegen sich begierig in die Richtung, verlockender Geruch und meine Kontrolle schwindet leicht.
Später… sehe ich sie, wie sie vor der anderen kniet, ihr die Füße wäscht, fast rituell anmutend. Aber warum? Warum macht sich eine Priesterin die Mühe, einer Sklavin die Füße zu waschen, sie zu salben und zu verbinden?


#23

7. Monat, Tag 7, im Jahre 18 n.A.

Ein Zug von Menschen durchquert die Wüste, Männer und Frauen die sich fanden, durch die Bitte eines Khitai. Verschiedene Herzen, verschiedene Ziele, vereint durch die Suche nach einer Seele aus ihrer Mitte. Nordwärts reisen sie, messen sich mit den Dienern der Schwarzen Hand und wilden Bestien mit schillernden Panzern. Sie finden die Gesuchte, die Diebin, endlich wieder. Kalter Hass und heißes Blut. Ein Nehmen für ein Nehmen. Der Preis für Verlangen wird bezahlt und doch…kein Leben ist verloren. Noch nicht.
Anderorts wird gewonnen unter den Augen der vielgesichtigen Göttin. Seelen finden zueinander, manche angeworben, andere Errettung im Vertrauten suchend. Verbindungen werden geschlossen und mit Leidenschaft besiegelt. Ein Mann findet eine Heimat und die Ahnung von Feierlichkeiten liegt in der Luft.
Kann ich teilhaben? Ich darf nicht. Nähe birgt Gefahr. Ich bleibe, wo ich bin und sehe weiterhin. Sehe Verlust und Gewinn in all ihren Formen…

7. Monat, Tag 10, im Jahre 18 n.A.

Sie wagt es… nähert sich den Sklavenjägern… verlangt den Mann mit der Maske zu sehen, will sich überzeugen, dass er sicher verwahrt ist. Sie spricht Worte der Warnung und der Verachtung, ein Mummenschanz. Vielleicht weiß er etwas über sie, was ihr nicht recht wäre, dass es herauskommt…?
Fordert sie daher seinen Tod? Wo sie noch willig an seiner Seite war? Wo sie sich hat herumkommandieren lassen? Zweischneidiges Spiel… das irgendwann Konsequenzen fordern wird.


#24

7. Monat, Tag 11, im Jahre 18 n.A.

Leise lausche ich den Worten, die in der Taverne gesprochen werden…
Es wird berichtet, dass die Frau, die dem Zimmermann und dem Gast gegenübersitzt, aus den Händen der Piraten befreit wurde, Imiu ihr Name, jene mit dem Glauben an die schändliche Göttin… Sie sollte dem Kapitän dort zu Diensten sein - und wurde dann doch von jemanden befreit… der sie in die Wüste brachte, ihr Essen und Trinken verweigerte und sie zum Sterben zurück ließ, bis sie gefunden wurde von den Einwohnern des kleinen Dorfes. Sie halfen ihr, päppelten sie auf - und wollten sie zum Tempel ihres Glaubens bringen.
Der Zimmermann bat den Gast, Imiu mitzunehmen, ihr ein Zuhause zu geben… damit sie ihren Glauben ausleben konnte, ohne erneut Gefahr zu laufen, dass ihr Gewalt angetan würde.

7. Monat, Tag 12, im Jahre 18 n.A.

Meine Augen hängen Kopfüber… Stück für Stück nähere ich mich dem Kopf der Statue, halte mich fest. Drehe mich, die 8 Beine verharren dann und die Augen blicken nach unten. Ich sehe die Bediensteten des Tempels, ihre nackte Haut festlich mit Linien und Farben verziert, tanzen zum leisen Takt der nackten Füße auf dem steinernen Boden. Selbst die Wachen sind festlich bemalt und doch achtsam, passen auf, das niemand die Feierlichkeit und die Zeremonie stört.
Sie ist da… ich höre ihre Anrufungen, lausche ihren Ausführungen, ihrer Predigt über Tod und Lust… verschlungene Worte… ob sie weiß, was sie damit von sich selber preis gibt? Und doch fährt sie fort. Vor ihr kniet ein Mann, einer fremden Glaubens, der nun sein Gelöbnis ablegt, der seinen Göttern entsagt und ihren Glauben annimmt.
Es breitet sich aus, wie eine Seuche…


#25

7. Monat, Tag 15, im Jahre 18 n.A.

Mit schädelartiger Maske verlässt sie den Tempel, barfüßig, die schwarzen Riemen umschmiegen den Leib. Was plant diese Teufelin diesmal? Einer meiner Diener schafft es, haftet sich an einem der ledernen Riemen an und lässt sich von ihr tragen. Leichtfüßig eilt sie über den steinernen Boden, die Halme und Gräser der Steppe. Die Haut schimmert fast elfenbeinfarben in der Sonne, die erbarmungslos auf das Exil niederbrennt und die Luft alsbald Flirren und Flimmern lässt.
Ich widme mich zwischendurch anderen Dingen, so dass Stunde um Stunde vergeht, ehe ich wieder durch die Augen eines meiner Freunde blicke… sie ist im Dschungel angelangt. Hinter ihr schleicht sich etwas durch das Unterholz. Sie bemerkt es nicht, bis es fast zu spät ist. Das Tier greift an, laut und mit Gebrüll, als es zum Hieb ansetzt. Es erwischt Remja, meine Augen gehen zu Boden. Ich höre einen Aufschrei, sehe aus der Perspektive ihre Hände auf dem Tier…
Was dann passiert, bekomme ich kaum mit. Ich höre sie reden, verstehe die Worte aber nicht. Alles wirkt plötzlich zähflüssig. Mein kleiner Freund will fliehen, meine Augen wollen weg… ich spüre das Gefühl von Instinkten zur Flucht getrieben zu sein. Was macht die Teufelin? Ich verliere kurz die Kontrolle. Die Entfernung macht mir zu schaffen. Als ich den Kontakt zu meinen Augen wiederhabe und die Stelle wiedergefunden habe, steht sie da, blutend, mit einigen Kratzern. Sie wirkt erhaben und majästetisch, wie eine grausame Königin. Daneben das Raubtier. Es wirkt zahm nun. Ich wundere mich. Was hat sie gemacht… wie hat sie es gemacht? Sie geht voran und das Tier ist an ihrer Seite. Ich schwinge die Flügel, erhebe mich… folge ihnen… schaue das Tier an… schaffe es, es zu umrunden und blicke in die Augen… seelenlose Augen… tote Augen… welch Teufellei!


#26

7. Monat, Tag 18, im Jahr 18 n.A.

Gespräch zweier Priesterinnen:
Die, die sich Yakira nennt, spricht: “Ich bin die Hohepriesterin der Geheimnisse von Derketo. Ich führe die heiligen Obszönitäten aus. Die hochmütigen priester von Mitra und Set verabscheuen meine liederlichen Riten. “Heilige Konkubine” nennen sie mich, wenn ich zuhöre. Und “Kulthure”, wenn sie glauben, dass ich es nicht tue. Und doch geben sich diese Kleriker einer nach dem anderen mir willentlich hin. Ich küsse ihnen den Saft aus ihren Schädellöchern und sie schreien und sie flehen mich an, es wieder zu tun, und sie sehen das Universum und ihre Götter, wie sie wirklich sind, und sie weinen schwarzes Blut, wenn sie erkennen, dass sie mir nur zwei Augen schenken können.”

Ich höre nicht, was die andere sagt, aber wohl wieder die erste: “Von ihrem Thron aus Horn und Knochen aus herrscht sie über die Fruchtbarkeit und über die Unterwelt. In ihrer rechten Hand hält sie eine Lotusblüte. In ihrer linken Hand hält sie die Zwillingsschlangen Lust und Tod. Es gibt nur Lust und Tod - den kleinen Tod und den endlosen Schlaf. Derketo erweckt die Göttin in mir. Durch sie habe ich das wilde Tier verspottet und den lebenden Lehm versklavt. Durch sie habe ich den Verstand meiner Untertanen befreit und in eine orgiastische Raserei versetzt. Durch sie habe ich die Lebenden betteln lassen, die Toten stöhnen und einigen Schädeln mehr Grund zum Grinsen gegeben als anderen.”

Weiterhin erzählt sie: “Mein Volk sind die Lemurianer. Unsere Geschichte ist uralt. Wir wurden aus Inselstädten vertrieben, die schon uralt waren, ehe die Geschichtsschreibung überhaupt begann. Wieder und wieder wurde mein Volk verraten und versklavt. Doch wir befreien uns immer wieder. Nun finden wir uns in diesem Dschungel wieder. Durch Derketo habe ich meinem Volk transzendentale Befriedigung verschafft. Mein Volk hat sich Derketo so allumfassend hingegeben, dass sie nun die Freiheit haben, die Haut der bloßen Realität abzulegen. In diesen Dschungeln jagen auch die Ahnen der Lemurianer. Sie haben Bestien imitiert, haben sich mit Bestien gepaart und sind zu Bestien geworden. - Ich verurteile ihren Pfad nicht.”

Ich höre die Fragen, die ihren Mund verlassen. “Strebst du nach den Geheimnissen von Derketo? Wagst du es, die transzendentale Ekstase zu verspüren? Möchtest du die schlafende Gottheit erwecken, die in der Wiege deines Fleisches eingewickelt ist? Die Zwillingsschlangen leben in uns allen. Der gewundene Glanz. Die Uneingeweihten verspritzen diese Energien lediglich durch ihren Unterleib. Aber ich kann dich lehren, die Zwillingsschlangen dein Rückgrat hinaufzulocken, die kosmische Leiter hinauf, in meinen Verstand und meine Hände. Wenn du die Zwillingsschlangen Lust und Tod auf diese Weise beherrschst, kannst du die Wunder von Derketo wirken.”

Die andere, die ihr zuhört… jene aus dem Tempel nahe der Klippe am Rande der Steppe… scheint schon über diese Wunder zu wissen, denn sie lächelt.


#27

7. Monat, Tag 22, im Jahre 18 n.A.

Sie legen Bretter in die Mitte des Hofes, befreien die Frau von ihren Ketten. Sie malt Zeichen auf das Holz, aber ich erkenne sie nicht. Nein, mein kleiner Freund, geh nicht näher heran. Sie bringen ein Wolf. Die Frau erhält einen Dolch. Dunkle Worte werden gesprochen und der Wolf stirbt. Welch teuflische Rituale werden dort verübt? Nein, nicht noch ein Opfer. Dieses mal ein Mensch. Wieder Worte…und ich sehe Schatten, sie breiten sich aus, greifen nach dem Menschen. Ich…ich höre kreischende Stimme in meinen Kopf und plötzlich Stille. Der Mensch ist tot. Leute werden panisch, übergeben und manche scheint es nicht zu stören. Lass uns gehen mein kleiner Freund. Dieser Ort ist gefährlich, hier geht Böses vor und dabei war dieser Ort vor Tagen noch ein Ort eines freudigen Festes. Das Exil verändert jeden.

Tagebucheintrag: - Tag 6 nach der Übernahme

Wir sind im Norden angekommen. Dayyan, Zarif, Sabire und ich. Dazu ein dutzend Sklaven, welche mehr schlecht als recht für die kommende Aufgabe geeignet waren. Was mussten sie tun? Kalte Steine von hier nach dort verschieben. Einen Eingang freihacken und zertrümmerte Balken ersetzen. Vielmehr konnte man diesen zerlumpten und abgemagerten Wesen nicht zumuten.
Vor uns lag eine Mine und was für eine, eine alte zerfalle Mine, tief in den Berg geschlagen.
Sie fangen an zu graben, zu verräumen und zu ordnen, Stück für Stück wird der Eingang und der Tunnel zum Silber freigelegt. Es ist ■■■■■■■ kalt hier oben, meine Eier schrumpfen mir auf Rosinengröße. Ab und zu kippt einer der Sklaven vor Kälte oder Anstrengung um, ich weiß es nicht, bald schon türmen sich die armen Seelen zu einem Haufen.
Es dauert nicht lange bis sich meine Probleme häufen. Ein kreidebleicher Sklave kam aus dem Schacht gerannt, erzählte wirres Zeug. Die Worte sprudelten aus ihm heraus wie Sand aus der Hand.
Weder ich noch meine zamorischen Begleiter verstanden ein Wort von dem Gebrabbel des Mannes, ich versuchte ihn ein wenig mit Magie zu besänftigen, doch schien das Hirn des Mannes geschmolzen wie ein Stück Wachs über einer Kerze. Dayyan erlöste den Mann schlussendlich von seinen Qualen, ein kurzer Stich mit dem Dolch in den Hals ließ ihn nur noch röcheln und schließlich schlafen.
Wir schickten unter Peitschenhieben die restlichen Sklaven in den Schacht. Das Ergebnis war bedauerlich und erschreckend. Dem einen fehlte ein Arm, der andere spuckte Blut, die meisten kamen gar nicht wieder.
Ich beschloss, selber nachzusehen, welch Wesen in den Tiefen dieses Berges mein Silber in Beschlag nahm. Die Mine war stickig, dunkel und eng. Wir gingen vorbei an den Toten und wahnsinnigen, Dayyan erlöste einen nach dem anderen sauber und mit routinierten Stichen.
Als wir endlich den Grund für den abnormalen Zustand meiner Sklaven erblickten, gefror mir das Blut in den Adern. Ich spürte, dass es meinen sonst so kalten Begleitern ebenfalls so erging.
An der Wand hing ein perverses Gewächs. Die Organe oder Auswüchse verliefen wie ein Stern von einem Zentrum weg. Das Gewächs war rötlich, es wirkte knochig und morbide, wie die langen Finger eines gebrechlichen Greises. An einigen Stellen hingen kleine Beutel wie Taschen an dem Gewächs, es wirkte wie ein riesiger Teppich aus Algen, welche das Meer bei Ebbe freigibt. Kleine Verzweigungen und Blüten in einem dichten ekelerregenden Geflecht.
Wie soll ich es weiter beschreiben? Es hing an der Wand wie ein Auswuchs. Hatte Ranken oder Arme. War knochig und teilweise fleischig. Es pulsierte auf eine verdrehte Weise.
Einem Bauer würde ich es als Flaum beschreiben, der sich über sein Brot hermacht. Oder eine Ranke über eine Mauer. Doch ich wusste, das diese Ausgeburt das Ergebnis eines degenerierten Magiers war. Ich verstehe nicht, warum es immer solch perverse und furchteinflößende Kreaturen sein müssen. Warum nicht einfach ein üppiges Weib?
Ich wies Dayyan, Zarif und Sabire an, das Ding an der steinernen Wand nicht zu berühren, da sonst auch ihr Hirn gekocht würde und sie wahnsinnig werden.
Wahrscheinlich entsprang dieses Geflecht wieder der perversen Fantasie eines Anhänger des schwarzes Ringes? Oder der Fantasie eines kranken irren vom rotem Zirkel? Oder es ist einfach nur das Kind eines wilden degenerierten Schamanen aus irgendeinem Astloch im Wald, welcher zufällig unter Mondlicht zwei Käfer zermatschte und dreimal mit den Händen schlug und dazu den passenden Reim sprach?
Ich hoffe nur für das Wesen welches gierig seine Organe nach uns austreckte, welche sich wie Seegras im Fluss wunden, dass es kein Silber frisst, sonst reiße ich es eigenhändig aus der Wand und schmeiße es in mein Kamin, dort kann es mir knisternd und zwischen den Rücken wärmen. Ich löschte die Bilder und Erinnerungen an das Wesen aus den Köpfen meiner Begleiter damit diese sich nicht mit verdrehten Alpträumen plagen mussten.
Zusammenfassend sei gesagt: ich brauche neue Sklaven, Silber und Gold, idiotische Geister die dumm genug sind, sich diese abartige Kreatur anzusehen und die warmen Schenkel eines Weibes. Hoffentlich hatte meine Handelspartnerin mehr Erfolg auf dem Markt.


#28

7. Monat, Tag 29, im Jahre 18 n.A.

Sie kehrt zurück, verletzt, verwundet, verschrammt. Sie versucht die Schwere zu verbergen, was ihr teilweise klappt. Der Khitai will sich um sie kümmern, doch die andere, die ihm nah war, versetzt er dafür. Die Frau steht auf, frisch der Sklaverei entkommen, erkundet den Tempel und dringt in Räume vor, die nicht für ihre Augen bestimmt sind.
Sie wird erwischt, als die Herrin des Ortes den anderen Bericht erstatten will … und wer weiß welche finsteren Riten sie noch plant dort unten… Die andere… sie verliert ihre Freiheit schon wieder, wird in eine der Zellen gesperrt.
Das einzige, was meine winzigen Ohren hören, ist: “Hier unten gibt es keine Regeln…”

8. Monat, Tag 02, im Jahre 18 n.A.

Meine Augen und Ohren sind überall. So bekomme ich auch mit, dass zwei stygische Wachen die Gefangene zu Roklak bringen. Es scheint ihr gut zu gehen. Der Anführer scheint dankbar, bietet ihnen Speis und Trank an, redet dann mit weiteren Gästen, die eintrudeln.
Die Khitai und er reden über einen Vorfall beim Markt… die Zurückgebrachte war mit einem Aufpasser zum Markt gegangen, doch der Aufpasser wurde von einem anderen Khitai getötet, der in ihm den Folterknecht seiner Bunds-Schwester nach einem Hinweis erkannte.
Ein Kampf entbrannte, die Vertreterin des neuen Markthändlers griff ein, die Marktwache ebenso… doch beide wurden von dem Zorn des Khitai auf den Folterknecht getroffen und niedergeschlagen, während jener seinen Kopf verlor. In dem Getümmel nutzte die Sklavin die Chance und floh…
Und doch nutzte es ihr nichts, denn hier steht sie, hört dem Gespräch zu… der Anführer und die Khitai reden lauter miteinander, energischer, dann geht sie, sichtlich wütend. Meine Augen und Ohren sind abgelenkt, ich verstehe nicht alles, versuche die Kontrolle zu verstärken und sie näher zu entsenden als die, die vom Priester und dem Folterknecht gefoltert wurde, selber erscheint… Es geht um einen Handel, mein Diener krabbelt näher… dann sehe ich einen riesigen Schatten über mir. KNIRSCH… Die Kontrolle endet - genauso wie das Leben meines kleinen Freundes, unbemerkt.

8. Monat, Tag 05, im Jahre 18 n.A.

Summend fliegen meine Augen vor dem Eingang des Tempels in der Luft. Ich sehe den blonden Hühnen, nur ohne seine Rüstung. Er ist dort, um die Sache zu regeln, die viele Tage zuvor schief gelaufen war. Er fordert Entschädigung und eine Entschuldigung. Die Tempelherrin zahlt ihm seine Forderung, nachdem sie seinen Worten zuhört und es vollbringt, ihn mit Worten zu besänftigen.
Vermutlich wäre der Vorfall langweilig… wäre nicht kurz danach eine der Khitai Zwillinge gekommen.
Ich kann sie nicht auseinander halten. Der Blonde bezichtigt sie, an dem besagten Tag dort gewesen zu sein… fordert von ihr eine Entschuldigung doch die Khitai leugnet. Der Wachmann, der Zeuge war, bestätigt ihre Anwesenheit bei dem Vorfall und die Tempelherrin übersetzt. Eine weitere Frau ist dort, mit blanken Brüsten. Sie geht in den Tempel, als der Blonde zu seinen Waffen greift - vor dem Tempel. Die Khitai steht an der Schwelle und es scheint, als sei sie sich sicher, dass die Wachen sie beschützen würden. Sie geht nicht auf die Forderungen ein, nicht auf die Drohung und ein Konflikt wird unausweichlich.
Ich bin erstaunt, als meine fliegenden Ohren die Worte der Priesterin vernehmen. Sie spricht von neutralem Gebiet, dass Konflikte nicht hinein getragen werden sollen und sie niemandem Schutz bietet, der in einem Konflikt, der nichts mit dem Tempel zu tun hat, verwickelt ist. Sie verweigert ihr Zuflucht, da sie sich sonst auf eine Seite schlagen würde. Doch da sich der Ort des Konfliktes nicht zu ändern scheint… befielt sie der Wache, sich zurück zu ziehen, zieht die Schwelle der Neutralität bis zu den Türen zurück und schließt diese. Nicht ihr Konflikt… Aber eine Gefahr für die Neutralität des Ortes.
Die Khitai versucht, an das Gewissen der Priesterin zu appelieren, wer sie denn geheilt und ihr geholfen hätte… aber die Priesterin scheint das nicht gelten zu lassen.
Die beiden Kontrahenden… ziehen sich dann tatsächlich zurück, weg von der Schwelle. Eine Brise kommt auf, weht meine Augen und Ohren weg und es dauert, bis das Tierchen wieder an Ort und Stelle ist, dass es mir nützlich ist. Die Khitai scheint niedergeschlagen und bewusstlos und der Blonde richtet Worte an die Wache, die auf dem Dach verharrt, beobachtend, aber neutral. Man solle der Schwester etwas ausrichten, er fordert Münzen zur Auslöse… und höhnt, wenn dem Tempel etwas an der Khitai läge, sollten sie etwas zur Verfügung stellen, damit er sie nicht an den Haaren na.ckt durch die Wüste schleifen müsse.
Die Wache scheint zu überlegen, wie die Neutralität am Besten gewahrt bleibt, entscheidet sich dann, dem Mann eine improvisierte Trage zu übergeben, nicht, um ihm zu helfen, sondern tatsächlich, um der Frau weiteres Leid zu ersparen. Die Kleidung der Frau wird übergeben, als Teil der Botschaft und kurz scheint es, als sei der Blonde bereit, schon vor Ort der Khitai ein Ohr abzuschneiden. Doch der Wachmann bringt den Hühnen davon ab, ist erleichtert, als der Blonde geht. Er weiß, dass seine Herrin das ausbaden muss und den Zorn der Khitai auf sich zieht.
An einem Ort wie diesen ist es schwer, neutral zu sein…


#29

8. Monat, Tag 06, im Jahre 18 n.A.

Ich habe die Burg des Blonden gefunden, oder vielmehr meine Augen und Ohren, die ich entsenden kann. Vor dem Eingang sehe ich mehrere Gestalten, unter anderem den Commerier, den glatzköpfigen Stygier, Leute aus dem Dorf, die Schwester der Khitai. Ein kleiner Lynchmob… oder Befreiungstrupp, je nachdem, wie man es sehen mag. Ich verstehe kaum, was sie alle rufen und reden, muss mehr interpretieren, die Kontrolle über meinen kleinen Diener ist zu schwach, um es besser zu verstehen.
Keine Seite scheint wirklich nachzugeben, ich höre Wortfetzen, dass der Blonde droht, die Khitai stückchenweise von der Mauer zu werfen… es eskaliert mehr und mehr. Dann knallt es laut, ich weiß nicht, woher… wieso… der Eingang ist frei… Tumult… die Schwester wird befreit, der Blonde kann fliehen.
Kurz danach steigt Rauch auf im Norden, der sich quälend schwarz in den Himmel erstreckt wie ein mahnender Finger. Im Exil gibt es kein Recht… keine Gerechtigkeit… und es gilt nur das Gesetz der Stärke…

8. Monat, Tag 07, im Jahre 18 n.A.

Der Hüne, der aus seiner Burg hatte fliehen können, kommt in den Tempel, trifft die Priesterin an und den Jäger, der oft an der Seite der Priesterin ist. Er tigert um die beiden, scheint sich aussprechen zu wollen, schimpft, flucht, droht allem und jeden. Beruhigend versucht die Priesterin auf ihn einzureden.
Ich höre nur den Klang ihrer Stimme, aber verstehe die Worte nicht. Der Gesichtsausdruck des Blonden, den ich durch die Facetten der Augenpaare meines kleinen “Spiones” sehe, wirkt verzerrt. Er sieht nicht glücklich aus. Ich denke, er sinnt auf Rache. Er scheint keine Hilfe einzufordern, scheint sich nur aussprechen zu wollen, als ob er Publikum bräuchte, um die Absichten, die er äußert, so wirksam zu machen, als würde er sich selber und den anderen etwas schwören.
Schließlich wendet er sich ab und geht, hinterlässt verwunderte - und zweifelnde - Gesichter.


#30

8. Monat, Tag 09, im Jahre 18 n.A.

Ich bin in einem abgedunkelten Raum. Fackeln brennen an den Wänden. Vier Stühle sind aufgestellt, drei stehen dem einen gegenüber. Darauf sitzt eine Frau, die Schlangenschuppen trägt. Ihr gegenüber sitzt ein Cimmerier, eine Khitai und die Sklavin, die dem Tempel entkommen ist. Sie reichen der Schuppigen einen Trank, den diese herunterwürgt. Dann stellen sie ihr Fragen.
Die andere scheint gezwungen zu sein, diese zu beantworten. Ich sehe den Widerwillen in ihrem Gesicht. Aber ich höre nichts. Die Ohren dieses Spions sind taub. Verdammtes Ungeziefer! Aber es ist zu spät, wenn ich eine neue Verbindung aufbaue, ist das Gespräch vorbei.
Die Fackeln beginnen zu erlöschen, erst eine nach der anderen, dann Schlag auf Schlag. Der Stuhl der Schuppigen fliegt gegen die Wand, zerprallt. Der Cimmerier zückt seine Axt. Die Khitai ruft etwas, die Sklavin verschwindet, kommt mit einem Beutel wieder, verstreut etwas weißes auf dem Boden. Ein Kreis. Ein Schutzkreis?
Etwas passiert, aber ich bekomme es nicht richtig mit. Die Fragen gehen weiter… der Kreis verwirbelt… bildet … Zeichen? Die Zeichen gehen in Flammen auf… aber nichts anderes brennt. Dann flammen die Fackeln wieder auf, brennen heller… grell… Und erst nach und nach normalisiert sich wieder alles. Die letzten Fragen werden gestellt. Was hatte dieser Spuk zu bedeuten?

-Andernorts-
An anderer Stelle sehe ich durch Zufall, wie der blonde Hüne gegen den Zimmermann aus dem Dorf kämpft. Er hat keine Chance, geht zu Boden und wird doch zum Dorf geschleift. Ich versuche, mehr zu erfahren, will näher heran, doch die aufkommende Brise ist zu stark. Die Flügel meines Spiones sind nicht flink genug… Ich muss meine Kräfte sammeln. Vielleicht erfahre ich morgen mehr?

8. Monat, Tag 10, im Jahre 18 n.A.

Ich sehe eine Frau an einem Bett. Der Zimmermann liegt darauf. Schweiß glitzert auf seiner Stirn. Die Frau sackt auf den Hocker zusammen, schluchzt, erhebt sich später, geht zum Altar im Mitra-Tempel, beginnt zu beten. Später setzt sie sich wieder zu ihm, greift nach seiner Hand, wartet.
Derweil hat ein Bote das Dorf verlassen, in Richtung des Dschungels.